Single Speed European Championships 2014

In diesem Jahr fanden die Single Speed European Championships in Castlewellan in Nord Irland statt. Mit dabei war auch Josch. Die Erlebnisse des Krokodils könnt ihr hier nachlesen:

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Ich schau mich um. Suche Fixpunkte. Aha ein großer Baum. Drei Meter daneben lege ich mein Bike auf die Wiese und laufe mit Pieter auf der Straße in Richtung Vierseitenhof. Um uns herum 300 bunt gekleidete Radfahrer_innen sowie eine Menge Leute, die zum Zuschauen gekommen sind. Ich bin in Castlewellan, in Nord Irland. Singlespeed Europameisterschaften. Ost. West. Süd. Nord. Der ganze Kontinent ist vertreten. Singlespeed Championship heißt: Feiern. Heißt alte und neue Freund_innen treffen. Heißt Spaß haben. Und heißt für ein paar Stunden alles geben. Sich quälen. Berg hoch. Berg runter. Alles mit einem Gang. Meiner ist 32/18. Bis die Knie irgendwann einmal versagen. Aber heute noch nicht.
„Are you going for it“ frage ich Pieter. „Ohh yeah! I feel good. Today I’m racing“ sagt er. Ich hab Pieter letztes Jahr in Cogne, Italien, kennengelernt. Pieter lebt in Eindhoven, Niederlande, und jedes Jahr schneiden sich unsere Wege ein bis zwei Mal. Noch viel länger als Pieter selbst, kenne ich Pieter’s Mountainbike. Ein Bendixen Singlespeeder. Vor drei Jahren mal auf einem Foto von Stoph gesehen und für eins der schönsten Stahl-Twentyniner befunden. Und so kam es, dass wir uns bei unserer ersten Begegnung erst einmal 15 Minuten ausschließlich über sein Rad unterhielten. Bike-Nerds! Aber so läuft das halt manchmal und deswegen setze ich mich auch in ein Flugzeug um vier Tage nach Nord Irland zu fliegen. Das hier ist halt mehr als nur Radfahren. Hier sitze ich mit Dave & Tom aus Belgien, Alexander & Pieter aus den Niederlanden, James aus England, Angus aus Neuseeland und Curtis aus den U.S.A. auf einem Campingplatz und wir velosophieren für Stunden über Rahmen und alle, außer mir, auch über Bier. Neuseeländer_innen und Amerikaner_innen bei der SSEC – ja so genau nimmt das dann auch keine_r hier.

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Pieter will’s also wissen. Angus als amtierender Weltmeister sowieso, aber der ist zu schnell für mich. Mal schauen, wie lange ich mein Rad gleich suchen muss, oder aber auch mein Vorderrad. Mein Fahrrad suchen?! Singlespeed heißt: Lemans Start. Und in der Regel liegt das Rad nicht mehr dort wo es vorher abgelegt wurde. Oder es fehlt eben das Vorderrad. We’ll see what’s gonna happen. 3-2-1-Go!
Es dauert lange. Aber schlussendlich finde ich mein Rad. Weit weg vom großen Baum. Aber egal. Alles noch dran. Und los! Zwei Kilometer Bergauf. Ich schlängle mich an 30 bis 40 Leute vorbei. Nach Zweidrittel des Anstieges schau ich mich um. Hinter mir haben sich Jeremy und Neol eingereiht. Dazu jemand von der Italian Singlespeed Mafia. Zu viert fliegen wir den Berg hoch. Ich lass mich erstmal nach hinten fallen und atme durch. 3-2-1-Hier kommt die Kotzgrenze. Wir sind oben angekommen und nun beginnt der Spaß.
Gut 80% der Strecke verlaufen über feinste nordirische Singletrails. Ein Traum. Zunächst entwickelt sich das Ganze jedoch zum Alptraum. Ich stehe im Stau und die drei vor mir fahren weg. Ich erinnere mich kurz an mein Rennmotto: „Gewonnen wird am Anstieg, nicht auf dem Trail“ und nutze die Zeit zum Durchatmen und genieße die kurvenreichen Trails. So ist’s wenn mensch schlecht startet. Nach drei langen Trailpassagen werden wir wieder auf einenForstweg ausgespuckt und ich lege mit der Verfolgungsjagd los. Die drei sind erstmal weg, aber mal schauen was der Tag noch in sich hat. Die Strecke biegt rechts in den Wald ab und zwei Leute am Streckenrand schreien mir nach: „Charge it! Charge it!“. Und das mach ich auch. Die nächsten zwei Kilometer sind die härtesten des Rundkurses. Tiefer Waldboden. Singletrail bergauf. Mein Rad bleibt nach jeder Kurbelumdrehung fast stehen. Oiwawoi. Wurzel. Schräg am Hang entlang. Das ist Mountainbiking at it’s best. Ich komme oben an und biege links zwischen zwei Bäumen auf den schwarzen Singletrail ab. Es wird steil. Es wird steinig. Ich bleibe heil. Und es geht direkt wieder bergauf. Meine Beine schmerzen schon nach Zweidrittel der ersten Runde. Das soll ich vier Runden durchhalten?! Die letzten zwei Kilometer der Runde verlaufen wieder auf einem flowigen Singletrail, bevor es einen kurzen Gegenanstieg zum Zielbereich geht. Erste Runde vorbei. Durchatmen. Ich sehe den Mafiosi wieder vor mir und fahre im Bergaufstück an ihn heran. Die zweite Runde ist – Sorry – Scheiße. Mir tut alles weh. Ich versuche die Trailabschnitte so flüssig wie möglich zu durchsurfen und greife an jedem Anstieg an. Ich kann meinen Verfolger am Ende der zweiten Runde endlich abschütteln und sichte Noel sich auf dem Trail. Neuer Gegner! Und siehe da, die dritte Runde läuft deutlich flüssiger. Ich mache auf dem flowigen Singletrailabschnitt Boden gut. Endlose kleine Sprünge, Kurven und kleine Steinfelder kosten viel Energie, sorgen aber auch für ein breites Lächeln in meinem Gesicht. Gegen Mitte der dritten Runde hat sich der Italiener wieder an mich rangekämpft. Auch sind wir nun deutlich näher an Noel. Meine Reserve sind wieder etwas aufgetankt. An jedem Trailabschnitt stehen Leute am Rand und feuern die Fahrer_innen an. An ein paar Ecken werden, in guter Singlespeedtradition, die Rennteilnehmer_innen wahlweise als zu langsam oder unfähig bepöbelt sowie ermutigt die Sache mit dem Radsport lieber sein zu lassen. Plätze 11 und 12 werden uns zugerufen. Hell Yeah. Das läuft. Beine gut. Kopf ist da. Also angreifen! Das mach ich auch. Am Anstieg, am Ende der dritte Runde kann mich endlich von meinem Verfolger lösen. Den sehe ich heute nicht mehr wieder! Start/Ziel. Letzte Runde. Platz 11!

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Noel ist 40 Meter vor mir. Jetzt oder nie. „Gewonnen wird am Anstieg“ denk ich mir wieder. Der Anstieg beginnt mit einer 180° Kurve. Alle Geschwindigkeit, die eben noch vorhanden war, ist weg. Der erste Teil ist auf Asphalt und wird zum Ende hin ein bisschen steiler. Im diesem Stück steht eine der Trailbadger_Innen und schreit mich an, dass ich schneller fahren soll. Also fahre ich schneller. Der Anstieg macht einen rechts/links Knick. Ab jetzt ist es Schotter. 200 Meter noch, dann wird’s wieder flacher. Ich bin an Noel’s Hinterrad. Rechts Knick. Vorbei. Ich trete und trete. Der Weg macht eine Linkskurve. Danach eine kurze Rampe. Jetzt noch 300 Meter bis zum Ende. Noel ist an meinem Hinterrad. Wir überrunden 15 Fahrer_Innen als wir gemeinsam den Anstieg hochfliegen. Kurve links und jetzt noch eine 150 Meter Rampe. Das steilste Stück. Now or never! Ich gehe aus dem Sattel. Lehne mich nach vorne und sprinte. Ja, ich sprinte eine 20% Schotterrampe hoch. Mein Hinterrad dreht durch. Egal. Treten. Treten. Treten. Vor mir sind noch zwei Leute. Beide auf ihrer dritten Runde. Die beiden zwischen uns, und ich bin save, denke ich mir. Ich trete weiter. Überhole beide Fahrer_innen. Drehe mich um. Noel ist 40 Meter hinter mir. Zwei Leute zwischen uns. Schon Hannibal vom A-Team liebte es, wenn ein Plan aufgeht. Ich auch! Ab auf den Trail. Noel sehe ich erst im Ziel wieder.
Und wieder dieser tiefe Boden. Wieder höre ich Rufe vom Streckenrand: „20 Seconds – he’s looking tired“. 20 Sekunden. Unerwartet. Racemode. Mein Körper ist schon wieder auf Automatismus. Ich bin kurz vor der Abfahrt auf dem schwarzen Trail. Am Einstieg stehen zwei Leute mit Trillerpfeife und signalisieren das Fahrer_innen ins Steilstück einfahren. Dazu rufen sie „fast guys – last lap“. Ich schieße den Trail runter. Unten angekommen entdecke ich Michael, der mit mir am Vortag noch in die nächste Stadt gefahren ist, um eine neue Bremsscheibe aufzutreiben, da meine beim Transport im Flugzeug verbogen wurde. Er gibt mir noch ein paar motivierende Worte mit auf die letzten Kilometer. Wortlaut unbekannt. Wie gesagt: Racemode. Ich biege auf den nächsten flowigen Trailabschnitt und rase an die platzmachenden Überrundeten vorbei. Letzter Anstieg. Kurz vor dem Ziel. Der Trail spuckt mich aus. Ich sprinte sofort los. Ich biege rechts ab. Eine letzte schnelle Wiesenabfahrt. Links. Treppe hoch. Platz 9!
Am Abend sitzen wir in einem riesigen Pub in Castlewellan. Preisvergabe und Austragungsvergabe. Sprich: Wo geht’s 2015 hin. Ich sitze mit Jeremy und ein paar anderen am Tisch. Wir sind noch gemeinsam den ersten Anstieg hoch, aber dann war Jeremy nicht mehr in meiner schlagweite. Er hat sich Platz 2 gesichert und strahlt wie ein Kleinkind als er sich durch die Massen schlängelt. Platzierungen sind aber im Grunde nebensächlich. Verkündet werden Platz 1-3, alle anderen sind Vierte. Am Ende gab’s sowieso nur einen Helden und Gewinner. Dave, the legend. Gewinner des Hauptpreises. Errungen durch diesen Wurf! Ein Salut nach Dublin und viel Spaß mit dem Surly Krampus.

02ssec2014Foto – Jonny Laverty

Die Frage, die noch im Raum steht: Wo treffen wir uns alle im kommenden Jahr wieder. Sizilien vs. Slovenien. Kurz und Knapp Slovenien gewinnt die Competition. Schenkt die Austragung der SSEC 2015 aber Sizilien. Dort ist’s im April nämlich sonniger.
Hat sich der Flugstress gelohnt? Eine Menge neue und alte Bekannte getroffen. Einladung zur CC&G aka Dutch Singlespeed Championships. Einladung zum ThreePeaks und SSEC 2015 auf Sizilien. Dazu jede Menge Trailspa? in Nord Irland. Jederzeit wieder!

 

Danke an alle Fotograf_innen, von denen wir uns Bilder für diesen Text leihen durften! Leider sind die Bilderquellen etwas unklar. Meldet euch doch bitte bei uns, falls ihr Fotos von euch wiedererkennt.

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3 Antworten zu Single Speed European Championships 2014

  1. kreuzbube schreibt:

    Klasse, nicht zuletzt das Foto ganz unten! Beim Radweitwurf könnte ich auch mitmachen, alles andere lässt mir schon beim Lesen die Gelenke schmerzen…

  2. Tilo schreibt:

    Feiner Bericht!

  3. alex schreibt:

    irgendwann mach ich sowas auch mal mit! klingt nach ner menge spaß. vlt klappts ja nächstes jahr.

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